Predigt von P. Franz Josef Kröger ofm (Füssen) zum dreifachen Ordensjubiläum am 09. Mai 2025 in Dorsten
Lieber Heinz-Günter, lieber Heribert, lieber Wolfgang! Liebe Gäste unserer Jubilare! Liebe Schwestern und Brüder.
Vor einigen Wochen habe ich eine Einladung zu einem Klassentreffen erhalten. Sofort war sie da – die Erinnerung. Die Erinnerung an eine prägende Zeit in jungen Jahren. Die Erinnerung an die Internats- und Schulzeit im Kolleg St. Ludwig in den Niederlanden. Die Erinnerung an schöne und schwere Stunden; die Erinnerung an einzelne Franziskaner und Lehrer; die Erinnerung, wie man sozusagen in franziskanische Kinderschuhe gesteckt wurde und so langsam in ein franziskanisch geprägtes Leben hineinglitt und entsprechend – vielleicht sogar infiziert - wurde; die Erinnerung an aufkommende Fragen, ob so ein Leben auch für einen selbst etwas sein könnte; die Erinnerung an ein nicht unerhebliches Zögern – und dann doch der Schritt in ein Leben als Franziskaner.
Auch ihr drei seid diesen Weg im Kolleg St. Ludwig -zumindest in den letzten Jahren - gegangen. Einige Jahre vor mir. Eine Zeit, wo es vielleicht noch etwas selbstverständlicher war, den Weg vom Kolleg direkt ins Noviziat der Franziskaner einzuschlagen. Was ja durchaus ein Ziel von Schule und Internat war – Nachwuchs für den Orden zu finden.
Ich weiß nicht im Einzelnen, was euch damals bewogen hat, diesen Schritt zu gehen. War es eine Sehnsucht, der ihr gefolgt seid? War es ein Ruf, den ihr gehört habt und dem ihr nachgegangen seid? War es ein Herzensanliegen, ein Feuer, das in euch gebrannt hat? War es ein Traum, der euch nicht losgelassen hat? War es eine mehr rationale Entscheidung, die euch auf diesen Weg gebracht hat? War es ein eher schleichendes und unspektakuläres Hineinwachsen – wie bei mir? War es vielleicht von allem etwas, das euch in euer franziskanisches Leben geführt hat? Diese Fragen könnt ihr nur selber beantworten. Und ich bin davon überzeugt, dass ihr für euch auch überzeugende Antworten oder stichhaltige Gründe gefunden habt, ansonsten wäre so ein Leben 60 oder 65 Jahre lang als Franziskaner kaum durchzuhalten. Für diese Treue und den Mut, die sich darin spiegeln, kann ich euch nur danken. Und dieser Dank gilt nicht nur allgemein, sondern auch ganz persönlich. Denn mit allen von euch habe ich in verschiedenen Gemeinschaften, an verschiedenen Orten, für kürzere oder längere Zeit zusammengelebt und gearbeitet.
60 oder 65 Jahre. Da kann man schon von Treue sprechen. Treue meint ja nicht, dass dieser Weg immer ein Honigschlecken oder ein Selbstläufer war.
Treue meint ja nicht, dass ich einmal Ja sage und dann gar nicht mehr anders kann als dabei zu bleiben. Treue meint ja auch, dass ich mich mit diesem Lebensmodell Franziskaner auch immer wieder auseinandersetze und - sicher nicht täglich – aber doch von Zeit zu Zeit – mich vergewissere, ob dieser Weg noch trägt. Ob die Sehnsucht noch da ist; ob der Traum noch wach ist; ob noch etwas brennt von dem, was mich bewogen hat, diesen Weg einzuschlagen. Etwa im Sinne von Hermann Hesse, der ja vom „Zauber des Anfangs“ spricht. Manche sprechen in diesem Zusammenhang sogar von der ersten Liebe.
Ihr drei seid alle erfahrene und versierte Prediger. Von daher vermute ich mal, dass ihr das Gedicht von Nelly Sachs kennt „Alles beginnt mit der Sehnsucht“. Ein Gedicht, das gerne auch in Weihnachtspredigten vorkommt. Ein Gedicht, das ihr vielleicht auch schon in einer euren vielen Predigten genutzt habt.
Alles beginnt mit der Sehnsucht,
immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, für Größeres.
Das ist des Menschen Größe und Not.
Sehnsucht nach Stille,
nach Freundschaft, nach Liebe.
Und wo Sehnsucht sich erfüllt,
dort bricht sie noch stärker auf:
Fing nicht auch deine Menschwerdung, Gott
mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?
So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen,
dich zu suchen,
und lass sie damit enden,
dich gefunden zu haben.
(Nelly Sachs)
„Unsere Sehnsüchte sind unsere Möglichkeiten!“ – so hat es der englische Schriftsteller Robert Browning formuliert. In unseren Sehnsüchten stecken unsere Lebensmöglichkeiten, die wir angehen und vielleicht auch wahrmachen können. In unseren Sehnsüchten werden Erwartungen deutlich, die wir an das Leben, an den Glauben haben. Nicht, dass all das am Ende in Erfüllung geht und Wirklichkeit wird. Aber „Sehnsucht stirbt nicht“, so sagt es der Berliner Journalist und Aphoristiker Manfred Hinrich. In keiner Lebensphase. „Sehnsucht stirbt nicht!“ Träume können platzen. Sehnsüchte sterben nicht.
War es diese Sehnsucht, dieser Traum nach einem neuen Leben, nach neuer Lebendigkeit, nach einer neuen Verortung des Lebens, die Franziskus bewogen hat, den Fußspuren Jesu zu folgen. Austeigen aus seinem alten Lebenstraum eines Troubadours, dem die Herzen der Menschen, vor allem der Frauen, nur so zufliegen. Aussteigen aus dem Traum eines Lebens als Ritter, einen Traum, für den er bitter bezahlt hat.
Aussteigen ist das eine. Einsteigen in einen neuen Traum vom Leben etwas anderes. Die Kraft dazu findet nicht jeder.
„Regel und Leben dieser Brüder ist dieses, nämlich zu leben in Gehorsam, in Keuschheit und ohne Eigentum und unseres Herrn Jesu Christi Lehre und Fußspuren zu folgen“ – so heißt es am Anfang der nicht bullierten Regel des Hl. Franziskus. Ein neuer Traum, der von ihm Besitz ergreift.
„So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen, dich zu suchen,
und lass sie damit enden, dich gefunden zu haben.“
Franziskus folgt seiner Sehnsucht und lässt seinen neuen Traum wahr werden. Auch wenn das ein längerer und nicht einfacher Weg war. Auch wenn man Franziskus den „alter christus“, den zweiten Christus nennt, sein Leben entlang den Fußspuren Jesu war ein anderes als es Jesus selbst geführt hat. Den Fußspuren Jesu ist er gefolgt. Aber es war ein ganz eigenes Leben, das Franziskus geführt hat. Ein Leben in der Nachfolge Jesu - Ja. Aber nicht als Nachläufer oder Nachmacher, sondern mit einer ganz eigenen Identität, in einer ganz eigenen Form, die Bewegung und Erneuerung in die Kirche brachte. Und Franziskus verlangt auch nicht von denen, die ihm in seiner Lebensweise zu folgen versuchen, dass sie es genauso machen wie er – Franziskus.
Am Ende seines Lebens sagt Franziskus: „Ich habe das Meine getan. Was ihr tun sollt, das möge euch Christus lehren.“ Was für eine Freiheit, das sagen zu können: ihr müsst es nicht genauso machen wie ich, lebt euer Leben, aber vergesst nicht, wofür euer Leben steht oder stehen soll. Ein Leben in der Nachfolge Jesu; ein Leben im Geiste des hl. Franziskus. Aber lebt es aus euren Sehnsüchten und Träumen heraus, lebt es aus euren Möglichkeiten und Talenten heraus, lebt es aus den Zeichen der Zeit heraus; lebt es im Sinne eines Gottes, der Mensch wurde, ein Freund der Armen und Schwachen; lebt es im Sinne eines Gottes, der den Weg in die Niederungen des menschlichen Lebens ging. Lebt und predigt das menschenfreundliche Gesicht Gottes im Sinne eines Franziskus. Nicht vom hohen Ross herab, sondern mitten unter den Menschen, vor allem aber für die Menschen. Vielleicht hat der Schweizer Kapuziner Walter Ludin ja recht, wenn er sagt: „Gott hält sich am liebsten an gottverlassenen Orten auf.“
„Stelle mein Haus wieder her!“ Dieses Wort, das Franziskus in der verfallenen Kapelle von San Damiano vom Kreuz her hört, haben wir in der Lesung gehört. Es lässt ihn sozusagen aus seinen bisherigen Tag-Träumen aufwachen. Vielleicht passt hier das Wort von Manfred Hinrichs, der einmal schreibt: „Ich träume nicht mehr, ich wage meinen Traum.“
Franziskus hat gewagt, diesem Wort vom Kreuz zu vertrauen; diesen Traum von Gottes- und Menschenliebe mit Leben zu füllen. Seine ganze Sehnsucht nach Gott in dieses Wort zu legen: stelle mein Haus wieder her.
Das prägt auch seinen weiteren Umgang mit der Kirche, bei der seiner Zeit vieles im Argen liegt. Wiederherstellen, nicht abreißen. Aufbauen, nicht zerstören, Das Alte achten und das neue fördern und selber anders leben, als man es von der Kirche damals gewohnt war. „Ich träume nicht mehr, ich wage meinen Traum.“
Die Größe dieser Aufgabe versteht Franziskus zunächst nicht. Aber er wagt den Traum und packt mit seinen Händen an und renoviert die Kapelle Stein um Stein. Und dann merkt er, dass Gott Größeres mit ihm, dem kleinen und einfältigen Franziskus, vorhat. Während Franziskus noch den Aufbau der Kapelle im Blick hat, hat Gott bereits für ihn die Kirche im Blick, die vom Verfall bedroht ist. „Stelle mein Haus wieder her!“ „Ich träume nicht mehr, ich wage meinen Traum.“
Auf diesem Fundament habt ihr euer Leben als Franziskaner 60 Jahre und mehr gelebt. Und lebt es immer noch. Mit verschiedenen Talenten und Fähigkeiten, in verschiedenen Ämtern und Aufgaben im Laufe der Jahre, früher in der Dynamik eines jungen Menschen und heute eher in der Weisheit und Gelassenheit des Älterwerdens, vielleicht auch manchmal in der Gebrochenheit des Alters. Das Fundament bleibt, anderes darf oder muss sich ändern. Euer Leben hatte und hat Träume und ihr habt diese Träume zu leben gewagt. Für dieses Leben entlang den Spuren des hl. Franziskus und den Spuren Jesu sind euch viele Menschen dankbar. Menschen, die hier sind und Menschen, die euch in guter Erinnerung haben und hatten. Und zu diesen dankbaren Menschen gehöre ich auch. Danke für euer franziskanische Leben – für das vergangene und das, was noch kommen wird. „Träume können zerbrechen, die Sehnsucht stirbt nicht." Amen.